Lisbeth wehklagte immer noch ohne Unterlass: „Hilfe, Diebstahl, Polizei, ich bin bestohlen worden. Haltet den Dieb!“ Sie fand kein Ende. Valentin sah sich das ein paar Minuten lang an, bis es ihm zu viel wurde. Beherzt flog er zu Lisbeth, die auf ihrem Nest herumtobte. „Ja sag mal, Lisbeth. Was ist denn los? Was hast du? Was schreist du so rum?“ Lisbeth schreckte kurz auf und unterbrach ihr Klagelied. Sie stutzte, als sie Valentin sah. Der war bisher noch nie zu ihrem Nest gekommen. „Hilfe, Diebstahl, Polizei, ich bin bestohlen worden. Haltet den Dieb!“ fing sie sofort wieder an. „Meine Schätze sind weg, geklaut, alles weg.“ „Lisbeth halt die Luft an! Komm erst mal runter und dann erzählst du mir alles, aber immer schön der Reihe nach.“ Valentins detektivischer Spürsinn war spontan geweckt. Er wollte sich ein Bild vom Geschehen machen.
„Wie denn, komm mal runter? Was soll das denn heißen? Warum soll ich runterkommen? Ich will nicht nach unten. Ich bleibe hier oben,“ wetterte Lisbeth.
„Ach Lisbeth, ich mein doch nicht runter auf den Boden, sondern runter von deiner Aufregung, beruhige dich, damit wir uns vernünftig unterhalten können,“ forderte er sie auf. „Entspann dich, werd locker, bleib cool!“
Es kostete Lisbeth einige Mühe, sich zu beruhigen. „Oh ich bin ja sooo traurig. Mein ganzer schöner Schmuck, mein Hab und Gut, weg, alles geklaut.“
„OK, Lisbeth, das habe ich verstanden. Weißt du denn, wer das getan hat? Hast du jemand gesehen?“ „Nein -schluchz- hab ich nicht. Hab keine Ahnung. Dieser Schuft, wenn ich den erwische...“
Na, das war ja direkt ein echter Hingucker, da vor dem Schlossportal. Da sprudelten in einem großen runden Brunnen aus zig Düsen Wasserfontänen in die Höhe, mal höher, mal niedriger. An manchen Stellen kam nix, und dann plötzlich schossen dort die Strahlen auf, während das Wasser an anderer Stelle versiegte. Es spritzte und klatschte und rauschte, die reinste Freude für unsere gefiederten Freunde. „He Leute, besser geht’s nicht. Nach dem langen Flug so eine schöne Erfrischung. Mir nach!“ Alexander III. war überhaupt nicht wasserscheu. Er stürzte sich mutig in die sprudelnden Fontänen und sauste wie ein wildgewordener Federball hinein in die Gischt. Das ließen sich die anderen nicht zweimal sagen. Nach wenigen Minuten waren alle plidder-pladder-plitsche-tropfnaß.
Zum Glück stoppten die Fontänen zwischendurch mal für einen kurzen Moment, so dass sie sich die Feuchtigkeit aus den Federn schütteln konnten, denn die waren vom Wasser fast zu schwer zum Fliegen geworden.
Der Brunnen gefiel nicht nur den FederFliegern. Viele Kinder hatten ihre helle Freude daran und tobten auf den Stegen hin und her. Sie störten sich aber ebenso wenig an den FederFliegern, wie die sich nicht an den Kindern störten. Alle kamen bestens miteinander aus.
„Ist das denn ein Kunstwerk oder nur ein Brunnen?“ wollte Leni wissen. „Natürlich ist das Kunst, was sonst? Der Künstler heißt Jeppe Hein und kommt aus Dänemark. Er nennt es Water Island, das heißt auf deutsch Wasserinsel.“
„Ihr lieben Stammheimer Halsbandsittiche! Ich, Alexander III. habe euch heute mit meinen engsten Gefährten Willi, Charly, Gunnar und Greg in eurem Schlosspark aufgesucht, weil ich in einer absolut wichtigen Mission unterwegs bin. Es ist vielleicht die wichtigste Mission in meinem Leben überhaupt. Ich bin gekommen, um um den Fittich von Roxanna anzuhalten. Jawoll, sie soll meine Frau werden. Und was das Schönste ist, sie hat schon „JA!“ gesagt. Ist das nicht toll?“
Im Wohn-Schlafbaum brach nun das wahre Chaos aus, jetzt war hier richtig der Teufel los.
Ein Geschrei und ein Gezeter schallte durch den Schlosspark, dass die Hunde, die mit ihren Frauchen und Herrchen auf den Parkwegen Gassi gingen (manche kackten auch daneben), vor Schreck laut aufheulten, den Schwanz zwischen die Beine klemmten und mit aller Kraft an der Leine zogen, um zum Ausgang des Parks zu gelangen. Nix wie weg. So einen Lärm hatten sie noch nie aus den Baumwipfeln gehört. Was in Hundeohren wie Teufelsgebrüll klang, ertönte in den Ohren der Halsbandsittiche wie feinster Engelsgesang. Alle waren vergnügt und fröhlich, hüpften auf den Ästen hin und her, flogen kleine Wipfelspaßrunden und ließen so manches fröhliche Schisserchen fallen, dass es am Boden nur so platschte.
Natürlich gratulierten die Anwesenden dem frischen Brautpaar und vor allen Dingen die Sittiche, die bereits verheiratet waren, sparten nicht mit guten Ratschlägen für das Paar. Sie sprachen ja aus Erfahrung.
„Hui, was war das?“ wollte Ben wissen. „Meine Damen und Herren, soeben haben unsere weltweit einzigartigen Flugakrobaten, das Mauerseglerquintett „The Apus-Five“ mit ihren sensationellen Flugmanövern die Zirkusvorstellung eröffnet. Nur für Sie, verehrtes Publikum, stürzen sich diese wagemutigen Mauersegler, diese Hasadeure der Lüfte in voller Fahrt aus den unendlichen Höhen des Himmels zu den Tiefen unseres Teiches hinab.“ Mit verstellter Stimme kündigte Opa den Beginn der Vorstellung an. Er tat das so überzeugend, dass er selber über seine Rolle als Zirkusdirektor lachen musste. Er fuhr fort: „In wenigen Sekunden erleben Sie die zweite Staffel dieser nervenkitzelnden Flugshow.
Achten Sie auf die geöffneten Schnäbel der gefiederten Luftakrobaten, wie sie beinah vollkommen schwerelos mit höchster Rasanz über das Wasser schießen und dabei ihren Durst löschen.“
Ben und Leo lachten über ihren Opa. Der sprach nun normal weiter. „Die haben sich grade ihren Feierabendschluck genehmigt, bevor sie wieder in der Luft nach Insekten jagen.“ „Oh Mann,“ wunderte sich Leo. „Die haben´s aber drauf. Ganz schön rasant, wie die fliegen.“ „Richtig, Leo. Das sind wahre Flugwunder. Im Sturzflug sind die schneller als die meisten Autos fahren können, bis zu 200 km/h. Sie sind die perfekten Flieger. Die kommen nur zum Brüten und zur Aufzucht ihrer Jungen in ihre Nester. Ansonsten bleiben sie ununterbrochen fast 10 Monate lang in der Luft.“
In diesem Moment stieß Mattis einen schrillen Pfiff aus. „He kuckt mal! Ja klei mi doch an´n Mors! Da is ´ne Kerze aus dem Leuchter gefallen, schaut doch, die Tischdecke kokelt schon, gleich brennt der ganze Tisch.“ Entsetzt starrten die Freunde ins Esszimmer. „Schnell, wir müssen sie warnen“, rief Valentin. „Ja, wie denn?“ wollte Antonius wissen und ließ vor lauter Aufregung einen dicken Schisser auf die Fensterbank fallen. „T´schuldigung, der ist mir so rausgerutscht“, wisperte er verschämt. Die anderen Vögel scherten sich nicht drum, sie hatten Wichtigeres zu tun. „Kommt, wir klopfen feste an die Fensterscheibe, wenn sie uns hören, kommt bestimmt einer ins Zimmer.“ Marwinius wusste wie immer Rat. „Los, haut auf die Scheibe, so fest ihr könnt!“
Und schon hackten sie los, was das Zeug hielt. Bei Annabella, Valentin und Antonius klang das Klopfen eher leise, aber als Marwinius und Mattis ihre Schnäbel mit voller Wucht gegen das Fenster droschen, wurde es richtig laut. Ein wahrer Trommelwirbel prasselte auf die Scheibe.
Die Familie hatte grade das Lied „O Tannenbaum“ gesungen und Leo wollte sein Gedicht aufsagen, als sie den Lärm hörten. „Was ist da denn los?“ rief Sigismund. „Was soll der Krach? Wer klopft denn da so wild gegen das Fenster?“
Ben flitzte als erster rüber ins Esszimmer, aus dem er das Klopfen gehört hatte und sah sofort, was da los war. „Papa, Mama, kommt schnell, es brennt“, schrie er laut.